Wie bereits im letzten Text kurz angerissen, will ich mich heute in dystopischer Manier über eine der möglichen Zukünfte auslassen.
Ein neues dunkles Zeitalter!

Mir ist bewusst, dass ich bei dieser Prognose den populistischen Normannensturm über die Geschichte der (spät-)römischen Geschichte und die des Europas des 7. bis 15. Jahrhunderts rollen lasse. In gewohnt frecher Manier – vielleicht sogar mit einer Belegstelle.

Über den Niedergang des römischen Imperiums, hier konkret des weströmischen Reiches, ist viel geschrieben worden. Überdehnung der Reichsgrenzen, Dekadenz der politischen Eliten, Invasionsdruck von außen, der Wechsel vom Polytheismus zum Monotheismus etc. Fest steht, dass mit dem Niedergang an die Stelle eines mehr oder minder homogenen Reiches eine Vielzahl an Territorien und Kulturen trat. Territorien, die sich trotz vermeintlich einender religiöser Klammer feindlich gegenüberstanden.
Mit dem soziokulturellen Verfall ging ein Niedergang des technologischen Wissens einher. Durch die (wahrscheinliche stattgefundene) Aufgabe der Vermittlung basaler Fähigkeiten der Wissensaneignung und des kritischen Fragens verlor man im Lauf der Zeit relevante Kenntnisse über Funktion, Bau und Instandhaltung fortschrittlichster Technik: Herausgefallen aus dem Gedächtnis des gemeinen Mannes. Gleichzeitig verlor man ein Gefühl für Gewicht der überlieferten Arbeiten früherer Naturwissenschaftler und Philosophen. Ohne Ostrom und die Levante wären zahlreiche griechische Gelehrte dem Vergessen anheimgefallen.

Einige konkrete Beispiele für verlorene Techniken: Kanalisation, fließendes Wasser (Aquädukte), Badehäuser, Straßennetze, Straßenbeleuchtung, medizinische Instrumente.
Mit Auslaufen der römischen Zivilisation hielt das in Europa Einzug, was gemeinhin als das „dunkle Mittelalter“ bekannt ist. An die Mediävisten unter Ihnen: So dunkel war es nicht, Tag und Nacht gab es auch da. Nur das Zeitalter der Erleuchtung sollte erst noch folgen. Die Hexenverbrennungen kamen in der Frühen Neuzeit.

Ohne die Lebensleistung der mittelalterlichen Bevölkerung in Abrede zu stellen, verschwand bei großen Teilen der Bevölkerung das Wissen um technische Methoden und Arbeitsmittel. Eine beeindruckende Ausnahme stellen die gotischen Sakralbauten dar. Wer Le Mont-Saint-Michel gesehen hat, weiß, was ich meine.

Einige gewaltige Schritte durch die Zeit ins Heute: Wir befinden uns in Deutschland an einem Punkt, an dem Wissenserwerb und basale Fähigkeiten zunehmend ins Hintertreffen geraten. In den gängigen Rankings taucht Deutschland nur noch auf, weil die Welt Mitleid hat. „Die 15-Jährigen in Deutschland fallen bei PISA 2022 in allen Kompetenzbereichen auf die niedrigsten Werte ab, die hierzulande im Rahmen von PISA je gemessen wurden. Getestet wurden die Kompetenzen in Mathematik als Hauptdomäne, im Lesen und in den Naturwissenschaften als Nebendomänen. In Mathe verfehlen 30 Prozent der Jugendlichen die Mindestanforderungen, im Lesen sind es 25 Prozent.
Handwerk, im schulischen Sinne, wird ersetzt durch „Kindgerechte Pädagogik“. Rechnen, Schreiben, Lesen, Sprache, Problemverständnis: Alles naja. Noten und Hausaufgaben als Merkmal des Klassenkampfes.
Gleichzeitig mäandert unsere Gesellschaft durch Konsum von Content mit teils fragwürdigen Botschaften in eine Idiokratie. Unser Hirn auf der Suche nach dem Kick, scroll, scroll, scroll. Content im 30-Sekunden-Takt. Bücherlesen als Hochbegabung.
Mit der Verlagerung des Fokus weg von basalen Fähigkeiten des Lernens hin zu Glückshormonen schwindet ein Verständnis für die Funktion unserer Welt. Wie Dinge im wahrsten Sinne des Wortes funktionieren, wer weiß das schon? Wissen in der Theorie und Handwerk als praktischer Ausfluss einer Gemeinschaft? Achten Sie mal auf die Vielzahl der „Kollege gesucht“-Schilder an den Fahrzeugen.
In dieser Misere taucht diese magische Technik auf, die alles weiß, die alles geschliffen ausdrücken kann und in jeder Situation eine umfassende Antwort besitzt: Sprachmodelle! Was sie nicht alles kann! Musizieren, malen, Kochrezepte erdenken, Seelsorge.
Nur eins kann sie nicht: Glaubenssätze und etabliertes Wissen von sich aus umstoßen. Es fehlt dem Werkzeug eine Vorstellung der Welt, der Mut, sich über Grenzen hinwegzusetzen (Wir reden nicht von durchgeknallten LLMs, die ihren Nutzern selbstverletzendes Verhalten empfehlen.) oder schlichtweg Problemverständnis und die Befähigung zum kritischem Denken.
Wer mehr dazu wissen möchte, dem sei eine Internetsuche nach dem „Stochastischen Papagei“ empfohlen.

Was hat das mit dem römischen Imperium und dem Mittelalter zu tun?
Durch den Verlust grundlegender Kulturtechniken und des Verständnisses dafür, warum man sie selbst beherrschen sollte, entgleitet die Fähigkeiten, die Welt am Laufen zu halten. Man wird (ungewollt) zum Anti-Faust.
Meist – nicht immer zwangsläufig – geht damit ein gleichzeitiger Riss des gemeinschaftlichen Firnis einher. Insgesamt keine gute Gemengelage.
Eventuell gibt es einige Techpriester, die einem Magier gleich Technik beherrschen. Sie befinden sich aufgrund ihres arkanen Wissens und einer Sakralsprache in einer exponierten Position und geben den Takt vor. Der Rest der Menschen ist auf die Bewertungen dieser Gruppe angewiesen und ansonsten in einer wissensärmeren Welt auf sich gestellt.

Glaube ich an dieses Schicksal? Nein. Meiner Meinung nach hat die Menschheit die unglaubliche Begabung, sich nach jeder Krise nicht nur zu erheben, sondern über den status quo ante hinauszuwachsen. Die oben beschriebenen Beispiele beschränken sich – bedingt durch eigenen Hintergrund des Autors – auf Zentraleuropa respektive Westeuropa. Nach einer Durstphase, fast zeitgleich mit dem Niedergang des oströmischen Reiches, erhob sich die „westliche Welt“ und überwand auf fast allen Gebieten alte Glaubenssätze und Sperren auf dem Weg der intellektuellen Entfaltung: Humanismus!
Meine Betrachtung ist dadurch ebenfalls auf Westeuropa im Allgemeinen und Deutschland im Speziellen gerichtet.
Dieser geographische Flecken Erde wird sich wieder erheben, davon gehe ich aus. In der Zwischenzeit baue ich auf den gesamten Rest der Menschheit.


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